Medientreffpunkt Mitteldeutschland

Provinz ohne Zeitung

Lokalzeitungen: Sorge um die Qualität

Leipzig, 4. Mai 2011 – Wie kann sich in Zeiten sinkender Auflagen von Lokalzeitungen gerade in strukturschwachen Regionen journalistische Qualität und Vielfalt erhalten lassen? Welchen Einfluss hätte eine fehlende Lokalzeitung auf die Demokratie? Und ist der einzige Weg aus der Krise, sich nur noch aufs Lokale zu besinnen? Diese Fragen diskutierten Experten unter dem Titel „Provinz ohne Zeitung“ beim Medientreffpunkt Mitteldeutschland.

Moderatorin Annette Riedel von Deutschlandradio Kultur eröffnete das Panel mit einer Zahl: Für 82 Prozent der Leser ist Lokalberichterstattung laut einer Studie der Grund, eine Zeitung zu kaufen. Warum also haben es Lokalzeitungen immer schwerer? Lutz Schumacher, Geschäftsführer des Brandenburger Nordkuriers wies auf die enormen wirtschaftlichen Probleme durch den demographischen Wandel besonders in Ostdeutschland hin. Der Trend zeige nach unten. „Alles kann ich mir als Zeitung offensichtlich nicht mehr leisten, ich muss Prioritäten setzen. Für eine Regionalzeitung wäre es aber aus meiner Sicht der falsche Weg, am Lokalteil zu sparen“, sagte Schumacher. Der Leser lasse sich schlecht gemachten Lokaljournalismus heute immer weniger bieten. Der Nordkurier habe in dieser Konsequenz seinen Mantelteil aufgegeben und im Gegenzug neue Stellen im Lokalen geschaffen und damit gute Erfahrungen gemacht.

Sergej Lochthofen, ehemaliger Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen und heute freier Journalist, sah Entwicklungen hin zum reinen Lokalmedium kritisch: „25 Regionalseiten und auf drei Seiten den Rest – dieser Mix kann nicht das Ziel für ein Primärmedium sein“, sagte Lochthofen. Die Sparbestrebungen der deutschen Verlage seien mit dem Anspruch, auch künftig Qualität zu bieten, nicht vereinbar. „Ganze Redaktionen werden abgebaut oder verschoben und das dient dann angeblich einer Steigerung der Qualität. Aber professionelle, ausgebildete Redakteure kosten nun einmal Geld“, so Lochthofen. Die Managementfehler vieler Verlage hätten den Abwärtstrend der Zeitungen noch beschleunigt, trotzdem seien einzelne Titel auch heute sehr wohl profitabel. Prof. Dr. Martin Welker von der Universität Leipzig sagte, das Interesse an lokalen und regionalen Themen sei nachweislich unverändert hoch. Zeitungen müssten aber neue Angebotsmodelle finden, um Nutzer mit ihrer „Schwarmintelligenz“ im Internet noch stärker einzubinden. „Eine aktuelle Studie zeigt, dass es Nutzern lokaler Angebote relativ egal ist, ob sie ihre Informationen online oder gedruckt erhalten. Wichtig ist nur, dass es auch in Zukunft überhaupt ein hochwertiges journalistisches Angebot vor Ort gibt“, so Prof. Dr. Welker.

Der sächsische Staatsminister für Kultus und Sport Prof. Dr. Roland Wöller zeigte sich besorgt über die Abwärtsspirale der Lokalzeitungen: „Demokratie setzt auch auf lokaler Ebene eine öffentliche Meinung voraus. Wenn Lokalzeitungen in Zukunft nicht mehr ihren wichtigen Beitrag zu dieser öffentlichen Meinung leisten können, haben wir ein Problem“, so Prof. Dr. Wöller. Ein wachsendes Desinteresse an politischen Themen könne er aber keinesfalls feststellen. Es sei deshalb wichtig, frühzeitig neue Leser an lokale Medien heranzuführen und sie so von deren Wert über die Gratiskultur im Internet hinaus zu überzeugen. Überlegungen, ein Subventionsmodell für Zeitungen ähnlich dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk einzuführen, erteilte Prof. Dr. Wöller eine Absage. „Wir sehen an Ländern wie Italien oder Frankreich, dass dadurch nur eine enorme Abhängigkeit der Medien von der Politik entsteht“, stimmte ihm Prof. Dr. Welker zu.

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