Medientreffpunkt Mitteldeutschland

Mediale Vereinigungsbilanzen – Wo bleibst du, Ostdeutschland?

Studie: Unterschiede zwischen Ost und West kein Medienthema mehr

Leipzig, 4. Mai 2011 – 20 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Unterschiede zwischen Ost und West in den deutschen Medien zwar kaum noch ein Thema. Aber es gibt ein regelrechtes „Kommunikationsloch“ zwischen Ost- und Westdeutschland. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Medienforscher Prof. Dr. Werner Früh und Prof. Dr. Hans-Jörg Stiehler von der Universität Leipzig am Mittwochmorgen im Rahmen des Mitteldeutschen Medientreffpunkts vorstellten.

Unter dem Titel „Mediale Vereinigung – Wo bleibst Du, Ostdeutschland?“ diskutierten Experten über das Bild, das deutsche Fernsehsender in ihrem Informationsangebot von Ostdeutschland zeichnen. Dabei untersuchte Prof. Dr. Früh in der von den drei mitteldeutschen Landesmedienanstalten und dem MDR in Auftrag gegebenen Studie zwei Fragen: Werden Ostdeutschland und seine Bewohner in den Medien über Gebühr missachtet und wenn, dann diskriminiert? „Die mentalen Hinterlassenschaften der Wiedervereinigung verblassen langsam“, sagte Prof. Dr. Früh. Die Einheiten Ost- und Westdeutschland sind zugunsten der Unterscheidung zwischen einzelnen Bundesländern fast vollständig in den Hintergrund getreten. Ost- und Westdeutsche bewerten sich laut der Studie wesentlich seltener als angenommen gegenseitig und wenn, dann tun sie es überwiegend positiv.

Spezifische Ostthemen wie etwa die Friedliche Revolution kämen in Medien wie ARD, ZDF oder RTL nur noch mit 1,3 Prozent vor – im regionalen MDR-Programm aber machten sie noch 11 Prozent aller Beiträge aus. Die Studie zeigt aber auch, dass Ost- und Westdeutsche in der öffentlichen Diskussion überwiegend unter sich bleiben und vor allem ihre eigenen „Landsleute“ wahrnehmen. „Die Abschottung nach außen führt dann auf beiden Seiten dazu, dass die seltene Kritik überbewertet und als unangemessene Einmischung wahrgenommen wird“, so Prof. Dr. Früh. Jochen Fasco, Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt zeigte sich über die Ergebnisse der Studie erfreut: „Offensichtlich haben die Menschen inzwischen auch die Vorurteile in ihren Köpfen abgebaut. Auf lange Sicht werden wir wohl glücklicherweise keine solche Studie mehr brauchen.“ Martin Heine, Direktor der Medienanstalt Sachsen-Anhalt, ergänzte: „Dass sich die Menschen für die regionalen Probleme vor der eigenen Haustür interessieren und nicht mehr für irgendwelche großen Gegensätze zwischen Ost und West, ist für mich keine Überraschung“, so Heine. Prof. Wolfgang Kenntemich, Chefredakteur Fernsehen des MDR, betonte die Integrationsleistung der Fernsehsender bei der Zusammenführung zwischen Ost- und Westdeutschen. Er sehe keine Unterschiede mehr zwischen Beiträgen, die sein Sender an die ARD liefere und denen, die im eigenen Programm liefen. „Wir kämpfen aber immer noch an manchen Stellen mit der unterschiedlichen Sozialisation der deutschen Redakteure. Wir haben es beispielsweise etwas schwerer als andere, bei der Hamburger Redaktion der Tagesthemen mal einen Kulturbeitrag unterzubringen“, so Prof. Kenntemich. Dr. Gerlinde Frey-Vor, Leiterin der Markt- und Medienforschung des MDR, unterstrich, dass der Programmauftrag für den MDR ernstere, nachrichtlichere Themen verlange, die dann im Vergleich zu westdeutschen Sendeanstalten möglicherweise mehr Konfliktstoff bergen. Die Teilnehmer des Panels diskutierten auch über die Rolle der privaten Sender. Während Martin Heine ostdeutsche Lokalfenster bei Sendern wie RTL ins Gespräch brachte, wurde Prof. Kenntemich deutlicher: „Ich würde mir wünschen, dass die Privaten nicht nur wie bisher vor allem durch massenattraktive Angebote Zuschauer abgreifen, sondern sich den Regionen tiefer widmen.“

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