Medientreffpunkt Mitteldeutschland

Fressen die Talkshows das Fernsehen auf?

Talkshows – Erfolg werde der haben, der mit einer neuen Idee kommt

Leipzig, 3. Mai 2011 – „Wir erleben seit dem Sommer des letzten Jahres eine Zeit mit Geschichten, die man sich nicht malen kann“, sagte der Chefredakteur des WDR Fernsehens Jörg Schönenborn heute auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland. Daher könne er überhaupt kein Problem mit angeblich zu vielen Talkshows sehen. Michael Ridder von epd medien hielt Schönenborn vor: Sonntag künftig Jauch, Montag Plasberg und Mittwoch dann Anne Will. „Was macht die ARD, wenn am Dienstag etwas passiert?“

Stefan Gebhardt, in Sachsen-Anhalt Landtagsabgeordneter der Partei DIE LINKE und Mitglied im ARD-Programmbeirat und im MDR-Rundfunkrat, räumte ein, in der ARD hätten sich viele Aufsichtsgremien kritisch zu den Reformplänen geäußert. Aus seiner Sicht gebe es aber nur Gewinner, gerade im Informationsbereich. Hier sei es unter anderem um einen einheitlichen Sendeplatz für die Tagesthemen gegangen. „Der einzige Verlierer ist Harald Schmidt.“ Klar sei auch, so Gebhardt, „wenn man das Angebot hat, den Jauch zu bekommen, dann weiß man doch, da schlägt man zu.“ Das sei zweifelsohne ein Gewinn für die ARD und eine Schärfung des Sendeprofils. epd-Redakteur Ridder entgegnete, Jauch habe noch nie bewiesen, dass er derart hohe Ansprüche auch erfüllen könne. Für Christoph Minhoff, Programmgeschäftsführer von PHOENIX, ist dagegen völlig klar: Wer Jauch nicht ins Programm hole, sei von einem anderen Planeten. Seine Qualitäten habe er über Jahre bei Stern TV unter Beweis gestellt. „Jauch gelingt es, Menschen aufzuschließen.“ Auch Schönenborn verteidigte die Verpflichtung Jauchs. Die Talkshows im Ersten seien inhaltlich unterschiedlich aufgestellt. „Wir haben eine große thematische Breite.“ Auch er sei gespannt, was Jauch vorhabe. Und ja, mit Jauch sei der Zenit wohl greifbar.

Ridder kritisierte, es sei zwar gut, dass bestimmte Talkshows endlich einen Sendeplatz im Ersten hätten. „Aber es ist einfach zu viel geworden.“ Zudem schalte er immer öfter ab, weil stets die gleichen Gäste zu sehen seien. Jörg Schönenborn sagte dazu, es gebe in der Tat viel zu wenige Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft, die zur prekären Lage in Deutschland Stellung nehmen wollten. „Sie drücken sich reihenweise.“ Das sei das tatsächliche Problem. Je höher die Talkshow angesiedelt sei, desto geringer sei die Zahl der Mutigen. Christoph Minhoff erklärte, es sei schwierig, jeden Abend einen eigenen neuen Zugang zu den Themen zu finden. Bemerkenswert sei, dass gerade jene Personen Klartext redeten, die nicht mehr in der Verantwortung stünden. „Menschen, die gar nichts zu sagen haben, werden nur einmal eingeladen.“ Es sei erschreckend, dass die deutsche Wirtschaft in Talksendungen ausschließlich durch drei Personen vertreten sei. Insofern verwundere es nicht, dass beispielsweise Herr Baring immer eingeladen werde. „Den müssen sie nicht aufschließen, den brauchen sie nur einladen.“ Einige Formate strebten natürlich einen heftigen Diskurs an. „Sie brauchen dann mindestens einen Provokateur am Tisch.“ Deren Zahl sei aber relativ gering. Für Schönenborn ist am Ende klar: Erfolg werde der haben, der mit einer ganz neuen Idee komme.

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