Europa – Reporterblicke zwischen Ost und West
Gepostet am 03. Mai 2011 in Aktuelles, Pressetexte
Alltagsgeschichten sind die besten Auslandsgeschichten
Leipzig, 3. Mai 2011 – Auslandskorrespondenten können viel für den Prozess des Zusammenwachsens in der Europäischen Union beitragen. Das war das Ergebnis einer Podiumsdiskussion beim Medientreffpunkt Mitteldeutschland. Dabei sind die kleinen Themen oft die wichtigen und können große Politik anschaulich illustrieren. Ein Beispiel lieferte Danko Handrick, der für das ARD-Fernsehen aus Tschechien berichtet. So habe er die Ablehnung des Vertrages von Lissabon durch den tschechischen Präsidenten Vaclav Klaus viel deutlicher machen können, indem er einen normalen Tschechen interviewte, der die gleiche Position wie sein Präsident vertrat. “Nur konnte er sie besser und verständlicher artikulieren als das Berufspolitiker gewöhnlicherweise tun”, so Handrick. Alltagsgeschichten, die die große Politik illustrieren, sind für Handrick erfahrungsgemäß die besten Auslandsgeschichten. Dr. Gerhard Spörl vom “Spiegel” konnte dieser Einschätzung seines Kollegen nur bedingt zustimmen. Für Spörl geht es nicht um kleine oder große Geschichten. Bei guten Geschichten sei es egal, wo diese angesiedelt seien. “Gute Geschichten sind gute Geschichten. Nicht mehr und nicht weniger”, brachte es der Spiegel-Reporter auf den Punkt. Hier schaltete sich Andreas Stopp vom Deutschlandfunk ein, der gerade im Hinblick auf das Hamburger Nachrichtenmagazin kritisierte, dass Auslandsberichterstattung sich häufig immer noch zu vieler Klischees bediene. Er könne das verstehen, weil der Leser im Bericht seine eigene Meinung wieder finden wolle. Interessanter sei es aber, wenn Neues berichtet werde, das sich nicht mit den überkommenen Vorstellungen decke, so der Leiter der Medienredaktion beim Deutschlandfunk. Hier stimmte ihm Spörl zu, wenn er auch nicht vergaß einzuwenden, dass Klischees die Möglichkeit böten, historische Sachverhalte zu verdeutlichen. Handrick dagegen hat die Erfahrung gemacht, dass Geschichten ohne Klischee viel besser angenommen werden. Niemand wolle zum Beispiel den hundertsten Beitrag über betrügerische Taxifahrer in Prag sehen. Auch aus dem Publikum gab es Kritik daran, dass der “Spiegel” noch immer mit Klischees in seiner Auslandsberichterstattung arbeite. Spörl räumte diesen Vorwurf ein, entschuldigte das aber damit, dass sein Magazin Meinungen zulasse und als politisches Magazin Meinung sogar erfordere.
Auf die Kritik angesprochen, dass im normalen TV-Programm die Sendezeiten für Auslandsberichte immer geringer würden sagte Handrick, er sehe das nicht so. Es gebe genügend Möglichkeiten, sich zu informieren. Beispielsweise seien seine Berichte auch bei Tagesschau.de im Internet abrufbar. Diese Erklärung reichte Andreas Stopp nicht, wenn er auch einräumte, dass es die Sendeplätze gibt. “Aber nicht mehr so präsent wie noch vor Jahren.” ARD und ZDF konzentrierten sich immer mehr auf Unterhaltung und verbannten die interessanten Inhalte in die Spartenkanäle. Auch Spörl hat den Eindruck, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen für “ihre Kompetenzen schämten”. Gerade für gebührenfinanzierte Angebote sei das Schielen auf die Quote nicht das Maß der Dinge. Dennoch waren sich die Diskussionsteilnehmer einig, dass die Qualität der Auslandsberichterstattung in Deutschland international ihresgleichen sucht. Als abschreckendes Beispiel nannte Spörl die Tatsache, dass der US-Sender ABC einen einzigen Korrespondenten in London sitzen hat, der über ganz Europa berichtet. Danko Handrick ergänzte, dass die ARD das dichteste Netz aller TV-Anstalten weltweit habe und das Niveau der Auslandsberichterstattung sehr hoch sei.
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